Es gibt zwei Aussagen, welche auf den Lac de St Cassien immer wieder ihre Gültigkeit unter Beweis stellen. Erstens: Man liebt diesen See oder man hasst ihn. Zweitens: Geschichten vom Lac de St Cassien sind immer interessant. Hier ist meine Geschichte…

Ich hatte mir schon lange vorgenommen an diesen faszinierenden See zu fahren, aber es sollte irgendwie nie sein. Als nun jedoch die Testphasen für die Boilierange Centurion und die Endgameserie Devil´s Game anstanden fiel die Entscheidung leicht.
So ging es trotz aller widrigen Umstände im Sommer 2010 für mich los.

Kai´s Erkenntnisse Part I:

»Fahre NIE an einem Freitag in der Ferienzeit quer durch Frankreich!«

Nach einer ewig langen Fahrt, staunte ich gleich doppelt. Erstens über den wunderschönen, voll gestauten See und über ein bekanntes Gesicht. Ein Freund hatte sich kurz entschlossen in das Auto gesetzt und war zeitgleich mit mir angekommen. Nach kurzer Lagebesprechung beim Beladen der Boote trennten sich unsere Wege wieder. Wie klein doch die Welt ist.

Da die Fische ihr Laichgeschäft erst vor kurzem beendet hatten, fuhr er in den wieder offenen Westarm und ich steuerte den Anfang des Nordarms an. La pointe au beige war mein Ziel und siehe da: dieser Platz war auch frei!
Ich ließ mir Zeit beim Loten und fütterte an diesem Tag großflächig rund 10kg Boilies und Tigernüsse. Zwei andere Freunde von mir saßen schon 2 Wochen im Südarm und konnten meine Theorie bestätigen, dass die Fische nach erfolgreichem Laichgeschäft wieder anfingen zu fressen.

»Der Bart muss ab…«

Gleich mit den ersten Sonnenstrahlen des darauf folgenden Morgen brachte ich meine Montagen aus und beobachtete das Treiben  auf dem See. Tretboote und Badegäste so weit das Auge reicht. Die Fische ließen mich in Ruhe und so  nutzte ich diesen ersten Angeltag zur Regeneration und genoss den mediterranen Hochsommertag.

Ich hatte mir vorgenommen, mich bis zum Fang des ersten Cassien Karpfens über 20 Kg nicht mehr zu rasieren und einen Bart zu tragen. Ich malte mir schon auf dem Hinweg aus, wie ich wohl mit einem 1-Meter-Bart aussehen würde.
Ich mach es kurz – schon am 2. Tag durfte ich mich rasieren. Gleich der erste Karpfen wog ganz genau 20kg.

Es war gegen 8 Uhr morgens als einzelne vorsichtige Pieper mich aufhorchen liesen. Es war die etwas tiefer abgelegte Rute, bestückt mit einem fruchtigen Schneeman aus der neuen Centurion Range. Aus 4 – 5 einzelnen Piepsern wurde ein Vollrun à la carte…..

Also ab ins Boot. Der Fisch zog mich samt Boot quer durch den Nordarm bis fast an das gegenüberliegende Nordarmufer. Dieser Fisch hatte eine geradezu unbändige Kraft. Es dauerte geschätzte zwanzig Minuten bis ich den Fisch aus der Tiefe pumpen und über meinen Kescher ziehen konnte. Und siehe da – ein Promi ging mir an den Haken: Dragger.

Die per GTM ausgelotete Tiefe von 10m passte also. Reingefallen war er auf den guten alten Schneemann. 22mm Knoberry Boilie und ein weißer 18mm PopUp. Die Montage einfach aber effektiv: 150g Flat Pear Inline, 20 cm FastDown 25lb Brown und ein AntiSnag Gr.4 als simpler Knotless Knot.
Alles richtig gemacht.

Der Bart war ab! Der erste „Zwanni“ im Sack und ein weiterer 16kg Schuppi, welchen ich wenige Stunden später fing, fermentierten mir ein Dauergrinsen ins Gesicht. Es lief wie am Schnürchen. 2 Tage am See und 2 Fische zwischen 30 und 40 Pfd.

Ich konzentrierte mich weiter auf meine Spots und erhöhte kontinuierlich beim all abendlichen Anfüttern die Futtermenge auf nun rund 20kg Knoberry Boilies und Partikel. Meine Futterstellen nahmen dabei die Ausmaße eines Tennisplatzes an.

Am nächsten Morgen, ich hatte gerade mein Frühstück beendet, meldete sich einer meiner Falcons. Der wohl eindeutigste Biss bei diesem Cassien-Trip kam von der Rute, welche ich wenige Stunden vorher auf einem meiner Futter-Spots in einer Tiefe von 10m platziert hatte.
Der Fisch zog ausgesprochen langsam, aber gleich bleibend Zentimeter für Zentimeter Schnur von der Rolle. Ich sprang in mein Boot und fuhr unter leichter Spannung, die Schnur einkurbelnd, über den Fisch. Dieser machte zunächst keinerlei Anstalten das Weite zu suchen. Er ließ ganz langsam und ohne Widerstand hoch pumpen, um kurz vor der Wasseroberfläche wieder schnurgerade nach unten zu entschwinden. Gut Ding will Weile haben und nach einiger Zeit bekam ich dann doch erstmals was von dem Fisch zu Gesicht.  Ich sah einen breiten Rücken, welcher nur einem Karpfen im Cassien gehören konnte: Bernadette!

Mein Herz setzte gefühlt für einige Schläge aus und ich öffnete etwas panisch die Bremse etwas weiter, um sie nicht doch noch kurz vom keschern zu verlieren. Es gelang! Bingo!

Als sie im Kescher ruhte, musste ich mich erstmal setzen und rief noch aus dem Boot meinen Platznachbarn und Meik zur Hilfe. Beide freuten sich ebenso wie meine Wenigkeit, Bernadette auf der Matte zu sehen. Alle Wunden des letzten Jahres waren sauber verheilt und sie war bei bester Gesundheit. Schlussendlich blieb die Waage bei 28,6kg (63lbs) stehen.

Nach einer gelungenen Fotosession tauchte ich mit ihr noch beim Zurücksetzen bis zum Grund und verabschiedete mich. Doch Bernadette wäre nicht sie selbst ohne ihre eigene Verabschiedung. Sie rollte noch eine halbe Stunde immer wieder direkt vor meinem Platz.
Spontan beendete ich diesen erfolgreichen Angeltag und beobachtete bei den ersten Gläsern Wein im Schatten der Korkeichen dieses unvergessliche Schauspiel. Am Abend feierten Meik, Semone, Niels nebst Frau und Andreas nebst Frau mit mir im Restaurant Le Lac bis tief in die Nacht.

Kai´s Erkenntnisse Part II:

»Zu viel füttern ist am Cassien im Sommer fast unmöglich!«

Die darauf folgenden Tage lag mein Futterplatz tot und ich entschied mich mit der Ankunft von meinem Mario, mit dem ich einige Tage zusammen angeln wollte, zu moven. Nach einem Abstecher bei Steve Briggs im Westarm, begaben wir uns in tief in den Nordarm.

Mario fischte auf le Saule und meine Wenigkeit fischte auf dem Rotkehlchenplatz. An dieser Stelle vom Cassien musste ich meine Taktik umstellen. Mit selbst gebastelten Subfloats mit großen Steinen an einer Abreismontage rückten wir den Moosrücken zu Leibe. In Kombination mit einem Blow-Back-Rig mit 30cm Vorfach und zwei aufgepopten Tiegernüssen konnten wir beide direkt im ersten Anlauf punkten. Die Bisse kamen regelmäßig, doch bewegten sich die Fischgewichte „nur“ um die 16kg. Der Cassien behielt die Bullen für sich.

Wir wollten die Großen und movten nach 3 Tagen nochmals. Mario wollte es auf Barrage probieren. Ich entschied mich für la petite pointe um dort den Walrücken (ein markantes Plateau in ca. 20 Meter Wassertiefe) mit der altbekannten Tennisplatz-Taktik zu befischen. Futter frei…….

Die ersten Bisse kamen 2 Tage nach Anlegen des Futterplatzes. Allerdings waren es nicht die Karpfen welche auf diese Taktik ansprangen. Ich fing nach und nach immer mehr Welse und verzweifelte so langsam.

Die Ernüchterung war da. Die Tennisplatztaktik an dieser Stelle des Cassien ging nicht auf. Vielleicht war ich auch nur zum falschen Zeitpunk am falschen Platz. Ich wusste, dass diese Stelle im See sehr produktiv sein kann.

Von Mario hörte ich, dass er in der Barrage regelmäßig Karpfen landen konnte. Keine Großen, aber immerhin. Zu seinem Unglück hatte er an einem sehr stürmischen  Tag einen guten Fisch an einem Unterwasserhindernis in 15 Meter Tiefe verloren. Die Fische waren also da – und sie hatten Hunger….

Kai´s Erkenntnisse Part III:

»WELS´t es sich so hin, macht das Füttern keinen Sinn!«

Egal. Eine Entscheidung musste her und so entschloss trotz des anhaltenden staken Windes wieder in das Kreuz zu moven. Ich verbrachte die letzten Tage meines Trips im Südarm auf Bivy Pointe.

Hier befischte ich ein kleines Plateau auf 8m Tiefe, eine Kante von 10m auf 14m und mit Fallentaktik markante Punkte, wie z.b. im Wasser stehendes Buschwerk und tote Baumstümpfe.

Plateau und Kante wurden 2 mal täglich von mir unter Futter gesetzt. Gefischt wurde nur in der Dämmerung. Hier kamen aufgrund der Hindernisse nur Subfloatmontagen in Betracht.

Um es vorweg zu nehmen, es blieb ruhig. Lediglich an meinem letzten Angeltag konnte ich auf dem Plateau noch einen kleinen Schuppi und einen ganz ordentlichen Wels landen. Einer schöner Abschluss meiner Cassien Premiere.

Auf dem Weg zurück nach Deutschland machte ich noch einen kleinen Halt am Lac de Carces. Dort besuchte ich noch meinen Freund Stefan Turquier welcher sich an diesem schweren Gewässer versuchte. Sicherlich ein interessantes Gewässer, aber mit Regeln behaftet, welche einen Angelurlaub dort unmöglich machen.

Am Ende kann ich nur auf die erste Aussage zurückkommen. Ich liebe diesen See und er wohl auch mich.

au revoir
Kai Jürgens
Team B.Richi

Quelle: Carp Hunters Magazine – Ausgabe 39