Wer kennt sie nicht, die Situation wo man alles hinter sich lassen will – den Arbeitsstress abschütteln und einmal total abzuschalten. Dann sind ein „paar“ Tage am Wasser genau das Richtige. Nur was machen? Es ist Mitte Januar und bitter Kalt. Die Gewässer in Deutschland sind fast alle komplett dicht und halb Europa wurde von Frau Holle beschenkt.

Egal! Dann muss ich halt weiter in den Süden, der Wärme entgegen. Ein Anruf bei einem Kumpel, welcher schon 10 Tage am Cassien weilte, ließ mich die Augen verdrehen. Schnee, Schnee, Schnee und leichter Mistral. Würg… Schnee und tagsüber Minusgrade bei 7 Grad Wassertemperatur – und das am schönsten Ausweich-Gewässer der Welt. Geht’s noch?

Ich muss raus! Dann halt noch weiter in den Süden: auf nach Spanien! Aber wohin? Eigentlich kannte ich an spanischen Gewässern nur den Ebro und einen Entwässerungsgraben hinterm Ballermann 5. Vom Ebro wusste ich, dass dies ein Wallerverseuchtes Gewässer der Extraklasse ist. Aber Karpfen? Da ich nicht so auf Klein-Kanäle mit Abwasseranschluss stehe und mich der Ebro-Stau schon immer interessierte, begann ich rumzutelefonieren.

»Ebro ist groß«

Ich hatte keinen blassen Schimmer, was da Unten abgeht. Ich wusste nur: Ebro ist groß.

Lizenzen waren das geringere Problem. Ich brauchte jemanden der aktuelle Infos vom Ebro hatte und idealerweise in den letzen Wochen dort geangelt hat. Meik Pyka erwähnte vor ein paar Tagen, dass Mark Dörner zur Zeit am Ebro weilt um dort eine DVD  aufzunehmen (Mequinenza Gold ist bereits auf DVD erschienen – sehr empfehlenswert!).

„Tagsüber einigermaßen warm , nachts Kalt, Sonne – Wassertemperatur 15 Grad. Karpfen sind da!“. Mark war gerade zuhause als ich die Infos per Telefon vernahm. Yes! Schnell Bulli packen und nur noch weg, weg, weg……

24 Stunden später passierte ich Lyon und war mitten auf der Route du Soleil. Stunden später Avignon! Kurz dachte ich an den Cassien, an den Schnee, an das Steilufer und…… fuhr weiter Richtung Barcelona……

4 Stunden später. Beide Hände am Steuer. Orkanartiger Wind peitschte rechts aus den Bergen. Ich flog an einem braunen Schild vorbei: Clermont-l’Hérault! Ich dachte kurz an den Salagou, meterhohe Wellen, den orkanartigen eisigen Bergwind und…… fuhr weiter Richtung Barcelona.

Nach insgesamt 17 Stunden Fahrzeit passierte ich das Ortseingangsschild von Mequinenza. Ich hielt kurz beim Angelladen vom Bavarian Guiding Service und besorgte mir die benötigten Lizenzen. Ein dickes Dankeschön noch mal für den kurzfristigen Service.

Die Lizenzen waren nur für den katalonischen Teil des Ebros gültig. Das schränkte meinen Radius zwar etwas ein, aber bei so einer großen Wasserfläche war das so gut egal. Als ich die Brücke in Mequinenza überquerte, sah ich schon von weitem die in Sonne gefluteten Steilwände des Ebro-Tals. Das Wasser lag regungslos vor mir – absolute Windstille – die Luft war mild! Hier bin ich richtig!

Parallel zum Ufer führte eine Schotterpiste aus dem Ort. Links Steilwand – rechts Wasser. Felsbrocken auf der Piste zeigten mir, dass hier die Natur den Takt vorgibt. An einigen Stellen konnte man mit dem Bulli direkt ans Wasser. Ideal! Dann  brauch ich meinen treuen Begleiter nicht alleine lassen.

Ich entschied mich für einen kleinen Vorsprung, welcher etwas weiter in den Ebro hinein ragte. Zu meiner Linken wurde der Ebro breiter und an den zahlreichen, aus dem Wasser ragenden, Bäumen auch erkennbar flacher. Von hier aus konnte ich bequem weiter raus auf Tiefe und vor meinen Füssen direkt im flachen Unterwasser-Wald fischen.

Es dämmerte bereits, als ich Zelt und Heizung in Betrieb nahm. Das Nachtangeln war hier nicht erlaubt und so entschied ich mich die letzen Stunden des Tages nicht mehr zu angeln. Die Ruten montierte ich vor, so dass ich morgen früh direkt loslegen konnte. Nichts desto trotz schulterte ich das Schlauchboot und markerte mir ein paar Stellen per GPS. Die Wassertemperatur lag bei 16 Grad. Man muss höllisch aufpassen wenn man nicht mit den mit Muschel gespickten Unterwasser-Bäumen kollidieren will. Ein Killer!

Ich fütterte ausschließlich einen Mix aus Tigernüssen, Mais, Neptun LT`s und einigen wenigen Pellets. Ich wollte es vermeiden, einen der großen Ebro-Waller zu begegnen. Alleine wäre das sicher ein interessanter Fight geworden.

Als ich gegen 20:00 Uhr beim Feierabend-Bier auf meiner Liege lag und die aus dem Wasser ragenden Bäume rund um meinen Futterplatz im Mondschein beobachtete, kam so langsam Bewegung ins Wasser.
In naher Entfernung vernahm ich das erste Klatschen von größeren Fischen. Alle 15 Minuten rollten Karpfen an der Wasseroberfläche. Der ganze Wald war in Bewegung. Der viel gepriesene Fischreichtum des Ebros war also kein Märchen…

5 Uhr – Jetzt geht`s ab! Die erste Rute legte ich 12 Meter tief in Richtung Flussbett ab. Die zweite Rute platzierte ich in 30 Meter Wurfweite in einer Tiefe von 2,70 Meter zwischen zwei gefluteten Olivenbäumen. Ohne Schlagschnurr geht hier gar nichts. 20 Meter sind minimum! Die Ruten waren in 2 Meter Entfernung immer griffbereit.
Ich benutze eine stinknormale Standardmontage mit einem robusten 4er Classic Boilie Hook. Am Haar hing ein Neptun LT kombiniert mit Plastik-Mais.

Ebro Karpfen im Morgengrauen

2 Stunden später die erste Aktion. Ein kurzer Fullrun von 2 Sekunden reichte aus und der Fisch saß fest. Ab ins Boot und nach 4 Paddelschlägen konnte ich das Desaster schon erahnen. Ich hatte einen abgeknickten Baum, welcher einen Meter in die baumfreie Bucht ragte, übersehen. Alles ziehen, umherfahren, ausharren und schlagen half nichts. Zum Glück bekam ich meine Montag zurück, so dass ich sicher sein konnte, dass es sich hier nur um einen kleinen Betriebunfall handelte. 1:0 für den Ebro.

10 Minuten flog meine Montage wieder Richtung U-Wald. Diesmal platzierte ich die Rute allerdings 10 Meter von dem abgeknickten Baum entfernt. Ich wollte es nicht noch einmal darauf ankommen lassen. Es dauerte keine 15 Minuten und die Rute pfiff wieder ab. Keine Sekunde später drillte ich meinen ersten Spanier aus dem Ebro. Mit 17 Pfd. kein Riese, aber das zählt nicht. Wer erinnerte sich nicht gerne an sein „Erstes Mal“. 1:1!

Ich schaute auf die Uhr. 7:30 Uhr. 150 Minuten die Ruten im Wasser und zwei Aktionen. Mit einem Grinsen im Gesicht machte ich mir Frühstück.
Der Tag verging wie im Flug. Leichter Wind und blauer Himmel bei 14 Grad. Keine Menschenseele war zu sehen. Das ist was ich wollte! Seit meinem letzten Drill an diesem Morgen war der See wie ausgewechselt. Es scheint ein nachtaktives Gewässer zu sein.

Es war bereits 21Uhr als das verräterische Klatschen wieder begann. Die 12 Meter Tiefe Rute weit draußen brachte bis dato keinerlei Aktion.

Ich konzentrierte mich auf die in 25 Meter Entfernung liegende Rute vor dem U-Wald. Ich wechselte den Köder und zog einen Hallibut-Pellet kombiniert mit einem Neptun LT auf. Wäre doch gelacht, wenn die letzen 2 Angelstunden an diesem Tag nicht noch einen Fisch bringt. Unterhandwurf und perfekt platziert. Der Schlagschnurrknoten endet knapp unter der Wasseroberfläche.

2 Piepser, ein Schritt zum Rodpod, Rute in die Hand und HOOKED! Im Rückwartsgang konnte ich den Racker elegant von den Bäumen wegziehen. Die brachiale Kampfkraft der Ebro-Karpfen, von welcher in zahlreichen Berichten geschrieben wurde, war nicht zu spüren. 16 Grad Wassertemperatur sind halt doch etwas anderes als 30 Grad im Sommer.

Der Fisch lies sich ohne Probleme zum Ufer delegieren. Ich verzichtete auf das Boot um unliebsamen Kontakt zum U-Wald zu vermeiden. Mein Zweiter brachte 25 Pfd auf die Waage. Und das bei einer Länge von 95cm. Nicht schwer aber lang. Ein Blick auf die Uhr verriet mir: Nun ist Schluss für heute…

Es war bereits kurz nach 23 Uhr, als ich die letzte Rute aus dem Wasser zog. Etwas verwundert darüber, dass ich auf der Distanz-Rute keinerlei Aktion hatte, fasste ich den Entschluss am morgigen Tag die 2. Rute in ca. 25 Meter Entfernung rechts am U-Wald vorbei zu platzieren.

5 Uhr: Neuer Tag neuer Fisch. In Rekordzeit lagen beide Ruten im Wasser. Die Fische zogen den Abend zuvor wieder in die Bucht und veranstalteten das altbekannte Spektakel.
An diesem Morgen hatte ich zwischen 5 und 8 Uhr insgesamt 3 Aktionen. Einen Fisch verlor ich kurz vor dem Kescher, die anderen 2 Schuppis bis 22 Pfund konnte ich sicher landen.

Frühaufsteher sind am Ebro klar im Vorteil

Sobald die ersten Sonnenstrahlen die Schlucht erreichten, verschwanden die Fische. Die Sache mit den Beisszeiten hatte ich also nach 2 Tagen geschnallt. Die nächsten 2 Tage brachten zu den gewohnten Zeiten weiter Fische bis 28 Pfd. Das Wetter war für deutsche Januar-Verhältnisse nahezu subtropisch. 16 Grad und wenig Wind. Ich hatte mich akklimatisiert. Ich war der einzige Angler weit und breit. An Burn-Out war nicht mehr zu denken. Der Akku ist voll – und das nach nur 5 Tagen!

In der 6. Nacht wurde ich nachts wach. Es war absolut windstill doch die Wellen klatschten außergewöhnlich hoch an den Steinstrand. Das jahrelange Angeln an Großgewässern ließen meine Alarmglocken schrillen. Ich beobachtete die Bäum auf der anderen Talseite welche sich merklich Richtung Westen bogen.
Hier unten im Tal war noch alles ruhig, aber die nächsten Stunden verhießen nichts Gutes. Ein Wetterumschwung klopfte an die Zelttür.

Morgens um 5 beköderte ich wie gewohnte die Ruten. Der Wind peitschte aus Osten und das Thermometer zeigt -5 Grad.
Die Ruten lagen nur wenige Minuten im Wasser, als 2 einzelne Piepser mein Interesse weckten. Ein weitere Piepser und schon stand ich mit gebogener Rute im Schneeregen.
Der Fisch verhielt sich beim Drill genauso unspektakulär wie seine Vorgänger. Doch diesmal konnte ich schon von weitem einen weitaus längeren Fischkörper ausmachen. Ohne große Fluchten führte ich den Fisch über den Kescher. Bingo!

Vor mir lang ein über 1 Meter langes Ebro-Brett. Goldbraun gefärbt! Fett!!!! Die Finger waren mittlerweile abgestorben. Das Keschernetz war nach wenigen Sekunden im Wind gefroren.

Die Waage blieb bei exakt 35 Pfund stehen. Ich machte auf die schnelle ein paar Fotos mit dem Selbstauslöser und entließ den beschuppten Freund zurück ins Warme. Fett!!!!! Mein Körper zeigt erste Anzeichen von Gefrierbrand.

Der peitschende Ostwind hatte an diesem Morgen noch keinerlei Auswirkungen auf das Beissverhalten. Ich konnte noch 2 weitere Schuppis bis 27Pfd. aus dem mittlerweile nur noch 12 Grad kaltem Wasser ziehen. Der Abend und darauf folgende Tag brachte keinerlei weiter Aktionen.

Es wurde noch kälter – eine dicke Wolkendecke gab der Sonne keine Chance. Die Temperatur tagsüber erreichten maximal 2 Grad. Dazu ein orkanartiger Ostwind mit Dauerregen gepaart mit Graupel
Ein SMS von Ralf Hoffbuhr brachte mir Gewissheit.: „Hau da ab! Schneechaos in den Pyrinäen – Sturm bleibt noch mindestens 5 Tage – es wird noch kälter.“

Das war`s! Die Spontanität meiner Anreise stand der meiner Abreise in nichts nach. Innerhalb von 1 Stunde waren die Sachen im Bulli verstaut und mit ansetzendem Gefrierbrand ging es Richtung Heimat.

Auf dem Rückweg hatte ich genug Zeit über den spontanen Kurztrip zum Ebro nachzudenken.Landschaftlich einmalig! Erholung pur (sofern das Wetter stimmt)! Fisch ohne Ende! Muss man einmal im Leben beangelt haben! Aber 3500km für eine Woche angeln? Mein Fazit: Ja und? Die Woche kann mir keiner nehmen!

Wer auf die Jagd nach Großkarpfen ist, sollte am Ebro nicht zu hohe Ansprüche stellen. Sicherlich beherbergt der Ebro einige richtige fette Karpfen von weit über 50Pfd. Wer die Bullen fangen will muss sich allerdings erst einmal durch die Bestände angeln.

Beim Wallerangeln sieht das schon anders aus. Aber das ist eine andere Geschichte und eine andere Liga.
Die Carp Killers bieten seit neustem Guiding Touren zum Ebro an. Für Neulinge eine sicherlich interessante Alternative um sich an den Stausee hernazutasten.

To be coninued…..

Mario Bölt