Hot Pot

Ich liege auf meiner Liege im kniehohen Gras, mein Zelt habe ich gestern gar nicht erst aufgebaut. So liege ich an einem lauen Sommermorgen unter freiem Himmel und ergötze mich an dem sich langsam ausblendenden Sternenfirmament. Meine beiden Ruten habe ich mit einzelnen Banksticks direkt vor meiner Liege platziert. Ein Köder liegt vor einem riesigen Schilfgürtel, der leise raschelnd den ersten Windhauch des neuen Tags dazu nutzt, die absolute Stille dieses wunderschönen Sonnenaufgangs zu unterbrechen. Meine rechte Rute ist direkt vor einem großen, in voller Pracht blühenden Seerosenfeld platziert.

Wasserläufer tanzen um die Seerosen. Bienen und Hummeln nutzen die ersten Sonnenstrahlen, um sich an den langsam öffnenden Knospen zu laben.

Plötzlich fällt der Hänger meiner rechten Rute zu Boden! Noch bevor ich an der Rute angelangt bin, saust der Hänger wieder in Richtung Blank. Meine Rute wird brachial zur Seite gerissen. Die knallhart eingestellte Bremse kreischt. Ich habe Probleme meine Rute aus der Rutenauflage zu bekommen, da der Fisch mit roher Gewalt Schnur nimmt. Der Fisch macht gut Druck, aber nach wenigen Minuten kann ich ihn sicher keschern. Es ist bereits der fünfte Fisch in dieser Nacht, mit 15 Pfund der kleinste. Schnell entlasse ich ihn wieder, ohne Fotos zu machen, zurück in sein Element. Das wäre der absolute Idealfall. Doch stattdessen sitze ich gerade in meinem Zelt, der Regen prasselt auf mein Bivvy herab. Ich drehe mich noch einmal um und versuche wieder einzuschlafen. Meine Ruten stehen direkt vor mir an der Spundwand. Die ganze Nacht wurden hinter meinem Zelt irgendwelche Silos befüllt. Ich habe kaum geschlafen, und meine Falcons blieben auch in dieser Nacht still. Ich befinde mich mal wieder mitten in einem der vielen Industriehäfen in NRW, mitten im Pott!

»Mitten im Pott«

Es gibt nicht allzu viele Seen in meiner Nähe, die mich angeltechnisch reizen würden. Bei vielen ist der Angeldruck aufgrund der räumlichen Nähe zum Ruhrgebiet enorm. An einigen Seen ist schon jeder Fisch bekannt, so dass der Reiz nach Abenteuer und der Suche nach dem (großen) Unbekannten in kurzer Zeit so gut wie verflogen war. Es mussten Alternativen her. So begann ich vor fünf Jahren zusammen mit meinem Vater, ebenfalls ein begeisterter Karpfenangler, die Kanäle rund um Datteln, Duisburg, Essen und unserer Heimatstadt Dortmund zu befischen. Wir befischten zuerst gemeinsam die Wendebecken der verschiedenen Kanäle; allerdings mit sehr wenig Erfolg. Wenn ich Karpfen fing, dann waren es ausnahmslos kleine Satzfische. Ansonsten fingen wir nur riesige Rotaugen und Brassen.

Mein Vater hatte nach circa zwei Jahren erfolgloser und schlafloser Nächte keine Lust mehr. Permanenter Schiffsverkehr und ewig lange und monotone Kanalstrecken abseits seiner so heiß geliebten Natur waren nicht sein Ding. Seit dem geht er nicht mehr am Kanal fischen. Er ist nun einer von denen, die mit dem Kanalangeln abgeschlossen haben. Doch ich war ehrgeiziger, ich hielt mich an einige befreundete Karpfenangler aus meiner Gegend, mit denen ich fortan viele Stunden in Häfen, in Schleusenbereichen, in Wendebecken oder einfach auf der Strecke verbrachte. Zu dieser Zeit begann ich den Kanal mit anderen Augen zu sehen. Es hat sehr lange gedauert zu verstehen, dass nicht alle Stellen, die nach Karpfen »riechen« auch gut sind. Aber dazu später mehr.

»30 Nächte ohne Biss«

Recht schnell entwickelte ich eine Vorliebe für das Fischen speziell in den Hafenbecken der großen Ruhrgebietsmetropolen. Egal ob Duisburg, Essen oder Dortmund. Ich investierte unzählige Tage in mein Hobby, und trotzdem fing ich in den ersten Jahren, in denen ich die Kanäle sehr intensiv befischte, keinen einzigen Fisch. Nicht einmal mehr die Brassen interessierten sich für mein Futter. Anno 2008 sah ich zumindest Licht am Ende des ach so langen Tunnels. Ich fing einige Brassen und verlor einen guten Fisch nach wenigen Minuten durch Ausschlitzen. Doch 2009 sollte alles anders und vor allen Dingen besser werden.

Ich fischte in diesem Jahr bereits mehr als 30 Nächte am Kanal, ohne auch nur eine Kanalflosse auf meiner Matte gesehen zu haben. Es war zum verrückt werden, alle fingen, nur ich nicht. Es war egal wo ich saß, die Fische bissen nicht bei mir. Nach meinen letzten Nullrunden rief mich Dirk, ein befreundeter Karpfenangler, an. Er fragte mich, ob ich nicht mit ihm zusammen eine Nacht in einem Wendebecken in Datteln fischen wollte. Die Stellen waren schon seit zwei Wochen regelmäßig gefütterte worden, so dass aus seiner Erfahrung ein Blank so gut wie unmöglich sei. Nun ja… was sollte schon passieren; mehr als nichts fangen konnte ich dort auch nicht – und zu Hause fängt man auch keinen Fisch.

Am Wendebecken angekommen platzierte ich zwei meiner Ruten direkt an den Anlegeplätzen der Lastkähne. Die Montagen wurden etwa zehn Zentimeter vor der von Muscheln übersäten Spundwand platziert. Was soll ich sagen: Ich kam, angelte und fing! Ein 10,8 Kilo schwerer Kanalkarpfen lag vor mir auf der Abhakmatte. Nach so einer Blank-Phase, wie ich sie in den letzten zwei Jahren durchlebte, war das mehr als Balsam für meine Seele. Der Bann war gebrochen. In der gleichen Nacht verlor ich einen weitaus größeren Schuppi kurz vor dem Kescher, weil sich meine Hakenspitze aufbog. Doch dies ist eine andere Geschichte. Einige Wochen später fing ich meinen neuen Personal Best, einen wunderschönen Schuppi mit 16,9 Kilogramm.

»Balsam für meine Seele«

Später im Sommer, an einem unerträglich heißen Tag, war ich mal wieder auf der Suche nach einem schönen Spot in einem der vielen Wendebecken am Kanal unterwegs, als ich einen großen Schwarm Karpfen beobachten durfte. Die Schule schwamm ganz gemütlich und ohne große Hektik direkt an der Spundwand in das Wendebecken hinein. Ich sah dem Schauspiel aus zwei Metern Höhe zu. Ein paar Karpfen platzierten sich vor der Spundwand und schlürften die kleinen Muscheln von der Wand. Wäre sie an dieser Stelle nicht zwei Meter hoch gewesen, so hätte ich die Fische beim Fressen streicheln können. Eigentlich wollte ich einen neuen Spot suchen und diesen befüttern, doch als ich die Fische sah, war mein Jagdinstinkt sofort geweckt.

So fuhr ich eiligst nach Hause und montierte an eine meiner Ruten einen Controller. Schnell kam ich wieder zurück zum Wendebecken und warf ein paar Brötchenstücke hinein. Es dauerte nicht lange bis sich ein großer Graßkarpfen einige dieser zum Teil nur halbierten Brötchen einverleibte. Wie gebannt beobachtete ich dieses Schauspiel. So etwas hatte ich bis dato noch nie am Kanal erlebt. So viele Nächte ohne Fischkontakt, und jetzt das. Aber so plötzlich wie die Karpfen um die Ecke gebogen waren, so schnell verschwanden sie auch wieder. Ich wartete gebannt und völlig sprachlos noch einige Minuten.

Der Wasserstand im Becken fiel durch das Öffnen einer der Schleusenkammern plötzlich um mehrere Zentimeter, und das zurückgehende Wasser zog meine gefütterten Brötchen aus dem Becken. Durch die Nähe der Schleuse wusste ich, dass das Wasser in wenigen Minuten wieder steigen würde. Und so war es auch. Mit steigendem Wasserstand trieben meine Brötchen wieder um die Ecke der Spundwand ins Wendebecken hinein. Hinter meinen Brötchen konnte ich einen großen Graser erkennen. Genau so plötzlich, wie die Fische vorher verschwunden waren, erschienen sie auch wieder auf der Bildfläche.

Der große Graser kam nicht allein. Im Schlepptau hatte er einen zweiten, allerdings merklich »kleineren« Artgenossen. Dieser Neuling steuerte direkt und ohne Umschweife auf mein präpariertes Brötchen am Rand der Spundwand zu. Mein Puls stieg auf 180. Der »kleine« Unbekannte öffnete in Zeitlupe sein Maul und saugte das Brötchen ohne jegliche Scheu genüsslich ein. Die Party konnte beginnen… Nach einigen eher unspektakulären Minuten konnte ich meinen ersten Kanal-Graser mit einem Gewicht von knapp über 15 Kilo an der etwa zwei Meter hohen Spundwand hochziehen. »Wenn’s einmal läuft dann läuft’s…«

Für und Wider des Kanalangelns

Die größte Problematik besteht in zwei Punkten: zum einen erschwert der häufig sehr rege Schiffsverkehr die Fischerei erheblich. Es kam bei mir mehr als einmal vor, dass ein 200 Tonnen schwerer Frachtkahn, trotz absenken mit 120-Gramm-Bleien, meine Schnüre erwischte und mir mehrere hundert Meter Schnur abriss. Bei intensiver Beanglung ist eine Materialschlacht zum Teil unumgänglich. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass es sich bei den Uferpartien fast überall um Industriegelände handelt. Wenn man überhaupt diese Industriezonen beangeln, geschweige denn betreten darf, muss man damit rechnen, dass überall und rund um die Uhr Schiffe anlegen können.

In meiner Anfangszeit am Kanal hätte ich beinahe drei meiner Ruten und wahrscheinlich auch das Rod-Pod als »versenkt!« melden können. An einem bitter kalten Februarwochenende angelte ich an einer drei Meter hohen Spundwand in einem Becken des Duisburger Hafens. Das Rod-Pod hatte ich an die Kante der Spundwand geschoben, um auf dem Eisenplateau größtmöglichen Halt zu finden. Die Ruten schauten etwa einen Meter über die Spundwand. Gegen 23.00 Uhr näherte sich ganz leise und ganz langsam ein 140-Meter-Frachtkahn, der genau vor meiner Nase anlegen wollte. Um die Geschichte kurz zu halten: Ich schlief, er sah mich nicht, und ich hörte ihn nicht. Als der erste Piepser der äußersten Rute sich meldete war es fast schon zu spät. Die Bugwand des Frachters drückte das komplette Rod-Pod samt Ruten in die Höhe. Ich konnte es gerade noch mit einem beherzten Griff aus dem ach so warmen Zelt zurückziehen. Seitdem schauen meine Spitzenringe nicht mehr über die Spundwand hinaus.

Der Umstand, dass ich ja eigentlich auf Rastplätzen von Schifffahrt-Autobahnen fische, kann besonders ärgerlich sein. Es kommt vor, dass man einen erfolgversprechenden Spot über mehrere Wochen vorgefüttert hat, dann aber am Tage des Angelns nicht darauf fischen kann, weil ein Schiff mit Steinen oder Schrott beladen wird oder einfach nur als erstes morgens vor einer Schleuse stehen will. Das zweite große Problem ist das Auffinden der Fische. Solche Situationen, wie ich sie mit dem Graßkarpfen beschrieben habe, sind, da bin ich mir absolut sicher, die Ausnahme.

Allein die Häfen der Großstädte haben meist schon mehr als 150 Hektar Wasserfläche. So hat beispielsweise der Duisburger Hafen eine Wasserfläche von 185 Hektar. Diesen haben wir sehr viel befischt, doch die großen Erfolge blieben zuerst auch dort aus. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Karpfen wahre Nomaden sind. Manchmal werden bestimmte Becken oder Kanalbereiche über Tage hinweg nicht von ihnen aufgesucht. Aber dann plötzlich ziehen sie wieder in die Bereiche, und man kann eine wahre Sternstunde erleben. So gelang einem Bekannten innerhalb eines Tages der Fang von 24 Fischen, obwohl er zuvor schon zwei Nächte an dieser Stelle blankte. Vermutlich hatte er das Glück, dass die Fische genau an diesem Tag in diesen Bereich zogen. Ein anderes gutes Beispiel für die Wanderbereitschaft der Fische ist der Fang eines markanten Karpfens mit 20,1 Kilo. Dieser wurde danach ein Jahr lang nicht mehr gefangen. Aber dann wurde der gleiche Fisch, der auf Grund der Färbung seiner Schwanzflosse unverkennbar ist, zehn Kilometer weit entfernt auf der Kanalstrecke wieder entdeckt. Doch dieses Mal hatte der besagte Fisch unglaubliche 24,5 Kilo.

Da wäre ich direkt beim nächsten Punkt. Dieser Karpfen hatte also in zweieinhalb Jahren fast fünf Kilo an Gewicht zugenommen. In allen deutschen Kanälen ist ein ungeheures natürliches Nahrungsvorkommen. Die Spundwände sind ziemlich oft mit Dreikantmuschel gesäumt – mal mehr, mal weniger. Diese Bereiche sollten genau beobachtet werden. Bei genaueren Erkundungstouren mit der Lotrute findet man hier immer wieder große Muschelbänke. Durch diese, zum Teil riesigen natürlichen Angebote von Muscheln haben die Fische sehr gute Abwachsraten. Eine andere Proteinbombe sind Bachflohkrebse. Durch die immer besser werdende Wasserqualität leben diese in großen Scharen im Kanal. Die Carps lieben sie. Das Wasser ist, wenn keine Schiffe das Sediment aufwühlen, glasklar. Man kann an ruhigen Tagen oder an alten nicht mehr befahrenen Kanalstrecken in vier Meter Tiefe noch den Grund erkennen. Deshalb sind Tage ohne Schifffahrt super zur Lokalisierung der Fische geeignet.

Durch die gute Wasserqualität wächst das Kraut sehr stark. An manchen Stellen liegt es sogar auf der Oberfläche, gerade in den Wendebecken und Häfen. Die Fische finden in den großen Krautfeldern Deckung und viel Nahrung. Bei Sonnenschein sieht man sie im Kraut ruhig und elegant schwimmen und ab und zu mal ein paar Schnecken von den Fahnen abgrasen. Häfen und Hafenbecken sind meist zentral gelegen, damit die Firmen von den Lkw beliefert werden können. Von dort aus werden die verschiedensten Rohstoffe und Güter leicht und ohne Probleme auf die Schiffe verladen. Aus diesem Grund ist es häufig sehr laut.

Die meisten Firmen arbeiten auch nachts und am Wochenende. Die Fische interessiert das nicht, sie sind den Lärm gewöhnt. Ich für meinen Teil konnte mich nur langsam mit der »Lärmbelästigung« abfinden. Anfangs habe ich oft schlaflos auf meiner Liege gelegen und mich gefragt, ob ein Karpfen das wert ist. Die Antwort ist klar: Ja! Ich habe mich mit diesem Umstand abgefunden. So werden zum Beispiel an meiner Lieblingsstelle, 20 Meter hinter mir, rund um die Uhr Silos befüllt. Nach einiger Zeit stören mich diese monotonen Geräusche nicht mehr, mein Gehör filtert sie aus, und ich nehme nur ungewöhnlich Geräuschabläufe war. Aber keine Angst, mein Gehör ist noch in Ordnung… Außerdem nimmt man doch einiges in Kauf, wenn man hofft, dass der nächste Lauf vielleicht der Fisch seines Lebens sein könnte. Nicht viele Angler können sich an die Geräuschkulisse und die doch eigenartige Atmosphäre zwischen Kränen zu fischen gewöhnen. Das ist ein weiterer großer Vorteil, denn hier herrscht ein geringerer Angeldruck als an den vielen Seen rund um das Ruhrgebiet. Man trifft meistens die gleichen Leute am Wasser.

Das verwendete Material

Ich fische mit recht weichen Ruten Imit 2,75 lbs. Sie könnten ruhig ein wenig schwerer ausfallen, da man manchmal die Fische mit brachialer Gewalt von Hindernissen entfernt halten muss. Im Normalfall reichen diese Ruten für das Kanalangeln aus.

Elementar sind auf jeden Fall Absenkbleie um die 120 Gramm. Ich benutze z.B. die Fox-Absenkbleie mit Safety-Clips. Um diese auch an den hohen Spundwänden einsetzen zu können habe die Bleie an einer soliden 15 Meter langen Maurerschnur aus dem Fachhandel befestigt. Ein stabiles Rod-Pod ist ein Muss!

Die Montagen

Vor dem 1,2 Meter langen Stück Leadcore benutze ich immer eine abriebfeste Schlagschnur. Hinter dem Leadcore befestige ich eine Kombination aus einem Safety. Clip und einem ganz normalen Abrissblei. An manchen Stellen ist der Grund mit scharfkantigen Steinen übersät. Die Bleigewichte sollten nicht zu leicht gewählt sein wegen des starken Schiffsverkehrs. 120 bis 150 Gramm reichen aber im Normalfall aus.

Meine Vorfächer halte ich so einfach wie möglich. Ich benutze immer Haken der Größen 4 oder 6. Die Haken können aber auch ruhig eine Nummer größer ausfallen, da die Fische nicht sehr vorsichtig fressen. Doch das ist jedem selbst überlassen.

Die Köder

Als Köder testete ich in diesem Sommer Neptun LT und Hells Fire, zwei fischige Sorten aus der neue Boilie-Range Centurion von B.Richi. Die Zusammensetzung und Konsistenz dieser Boilies sind ideal für das Kanalangeln.

Ich denke die Kanäle Europas werden noch so manchen guten Fisch zu Tage bringen, nicht umsonst wurde der ehemalige belgische Rekordfisch von Pieter Avonds, mit 35,4 kg, im Albert Kanaal gefangen. Außerdem kann man ja immer wieder von großen Fischen aus den verschiedenen französischen Kanälen und Flüssen lesen.

Vielleicht trifft man sich mal am Kanal.

Robin Harant