Pleiten, Pech und dicke Fische

Zwei mal zwei Wochen, 6900 km und sechs Gewässer. Jetzt fragt ihr euch natürlich, warum ich mir so eine Arbeit mache. Das frage ich mich auch. Im Hochsommer startete die erste Tour.

Ich quetschte zusammen mit zwei Freunden alles in meinen Bulli, was man bei einem Frankreichtrip so brauchen kann. So ging es völlig überladen an einem frühen Montagabend los. Ziel war der Lac de St. Etienne im französischen Zentralmassiv. Wir waren auf der Suche nach Alternativen zu den großen Bekannten wie dem St. Cassien. Grundsätzlich ist es eine feine Sache diese langen Strecken über Nacht zu fahren, da die Bahnen leer sind und am Anreisetag noch genügend Zeit bleibt für die Platzsuche und das Loten. Jedoch nicht, wenn man den ganzen Tag davor nicht schlafen konnte.

Am Ende war ich also zur Anreise 1300 km gefahren und ca. 30 Stunden wach…

Aber was soll man machen. Nimmt man halt ne Vitaminbombe, welche so stark ist, dass der Schweiß nach Multivitaminsaft riecht und trinkt noch dazu ein paar Becher Kaffee. Und schon hat man den Herzrhythmus eines Kolibri. Nach Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie besser nicht! Der Nachteil an solch unbekannten Gewässern ist, dass man kaum Informationen bekommt. Wir wussten von einem guten Fischbestand bis 27 kg, 6 Nachtangelzonen, dass auf dem See Benziner erlaubt ist und dass nur wenige Karpfenangler dort ihr Glück versuchen. Parkmöglichkeiten und Slip Anlagen waren dagegen die Unbekannte.

Am See angekommen, versuchten wir zunächst unser Glück an den Campingplätzen und wurden mehr oder minder freundlich gebeten wieder zu verschwinden. Da uns eh noch die Angelkarten fehlten, fuhren wir zum nächsten Angelgeschäft, wo uns ein alter Franzose dankenswerter Weise erklärte, wo wir parken können und dass sich die Nachtangelzonen geändert haben.

So konnten wir dann endlich mit dem Ausladen beginnen und wurden doch recht ungläubig bestaunt als wir Tackle für drei Mann in ein 3,3 m und ein 2,3 m Schlauchboot quetschten.

Der Platz, welcher unser eigentliches Ziel gewesen war, war natürlich besetzt und so bauten wir zunächst auf der gegenüber liegenden Seeseite auf. Das GTM sagte eine Temperatur von 14°C auf 8 Metern an. Da von Plateaus keine Spur war, fütterten wir entsprechend an der abfallenden Kante und ließen den wunderschönen Tag bei Wein und Baguette ausklingen. Gegen 2 Uhr nachts wurden wir dann sehr unsanft geweckt. Regen und Sturm peitschten durch die Moskitonetzfenster. Die Zeltfront beulte sich gefährlich nach innen. Und innerhalb von Sekunden lief ein Bach unter meiner Liege her. Nachdem mein Brolly fest geschlossen war, wagte ich mich in das Unwetter um nach dem rechten zu schauen. Seit Beginn dieses Unwetters waren keine 5 Minuten vergangen und schon war das große Schlauchboot fast bis zum Rand voll. Bootsbatterien und Echolot waren unter Wasser und ich sofort bis auf die Knochen nass. Ich rettete schnell alles an Land und machte die Boote zusätzlich mit einigen Seilen fest. Es wurde eine ungemütliche Nacht….

Am Morgen brauchten wir doch ein bis zwei Kaffee mehr, um in die Gänge zu kommen. Wir breiteten unsere Sachen zum Trocknen aus und begaben uns daran, die Montagen vorzubereiten. Mit Ruhe und Sorgfalt legten wir die Montagen ab.

Justin und Flo wollten kaum glauben, dass man so nah am eigenen Ufer Erfolg haben könnte. Einfach nur an der abfallenden Kante. Ich konnte sie glücklicherweise davon überzeugen. Gleich in der Nacht nach dem Sturm konnte ich den ersten Fisch mit 13,6 kg auf die Matte legen und so die Motivation deutlich steigern. Ich beließ es bei nächtlichen Fotos.

Wir fischten einfach aber effektiv. Schneemann und einzelne Bodenköder am Blow-Back Rig. Wir fütterten großflächig halbierte Knoberry Boilies, Mais und Halibut Pellets. Am nächsten Morgen konnte Flo dann seinen ersten Fisch landen. Ein Spiegler mit 12 kg präsentierte sich im Licht der Morgensonne. Leider blieben danach die Bisse aus. Da die Batterien unter dem Tauchgang sehr gelitten hatten, ruderte ich die anderen Nachtangelzonen am See auf der Suche nach einem neuen Spot ab. Alle Plätze waren besetzt und ich hatte viel zu viel Sonne bekommen. Glück im Unglück. Grade als ich wieder an unserem Platz ankam, wurde der gegenüberliegende Platz frei und wir konnten an den Platz, welchen wir uns von Anfang an gewünscht hatten. Leider war dieser für 12 Ruten doch beengter, als es den Anschein hatte. Wir wagten es trotzdem. Nach einer kurzen Einkaufstour konnte ich den Bulli direkt hinter unserem Angelplatz parken und füllte unsere Futterreserven auf.

Die Sportboote und JetSki bescherten uns so viel Brandung, dass wir die Boote mithilfe von Bojen einige Meter vom Ufer verankern mussten. Zudem stellte sich durch die andauernde Wasserbewegung ein ständiges Schwindelgefühl ein, was doch gewöhnungsbedürftig war. Allerdings bekamen wir hier deutlich schneller Bisse. Flo konnte seinen zweiten Fisch mit einem Knoberry Hookbait überlisten.

Meinen Mitstreitern ging jedoch die Ruhe verloren. Zu wenig Bisse und zu viel Unruhe führten zur Meuterei auf der Bounty. Sie wollten unbedingt an ein anderes Wasser und ich Depp lies mich darauf ein. Am Morgen wollten wir so früh wie möglich an den

Fluss Lot weiter und packten schon am Abend alles was nicht mehr benötigt wurde, in den Bulli.

So verbrachten wir die Nacht unter freiem Himmel.

Hätte ich nicht so einen leichten Schlaf, wäre aus dem nächsten Fisch wohl nichts geworden. Flo hatte vergessen, seinen Bissanzeigereinzuschalten… Das Surren der Bremse weckte mich zum Glück. „ADLER!!!!“ keine Reaktion…. Nachdem ich dazu übergegangen war ihn anzuschreien, wurde ich mit einem „Hmm?“ belohnt und zu guter Letzt gelangte der Fisch doch in den Kescher. Kurz darauf folgte Justins Rute. Diesmal mit eingeschaltetem Bissanzeiger. In der Morgendämmerung machten wir Fotos und spätestens jetzt hätte ich mich durchsetzen müssen hier zu bleiben.

Aber schlussendlich packten wir unsere sieben Sachen und machten uns auf den Weg zum Lot. Dies war aber einfacher gesagt als getan. Der Lot lächelte uns in vielen Facetten an. Vom strömenden Gebirgsbach bis zur stehenden Staustufe. Allerdings fanden wir keine Stelle ohne Steilufer oder Campingplatz. Also weiter zur nächsten Möglichkeit in der Nähe. Der Lac du Barrage de Sarrans wurde angesteuert.

Im letzten Dezember war in der Carpworld ein Bericht eines Briten, welcher den See als schwer zu befischen, aber absolut lohnenswert dastehen ließ. Das wollten wir sehen. Zu mehr kam es aber auch nicht. Steilufer soweit das Auge reichte. Keine Möglichkeit ans Wasser zu kommen, außer auf einem Campingplatz, welcher uns natürlich nicht willkommen hieß. Soviel zu den Eindrücken von Google Earth…

Mittlerweile war es knapp 6 Uhr abends. Meine Mitstreiter waren schon kurz davor, für die nächsten Tage einen Paylake zu buchen. Ich entschied dann aber doch, noch einmal Kilometer abzureißen und noch für 4 Nächte an den Cassien zu fahren. Dort kamen wir dann um 3 Uhr nachts an. Der See war überlaufen mit Anglern. Wir fuhren in der brennenden Sonne bis zum Ende des Nordarms. Es war tatsächlich nur die winzige erste Spitze frei. Im Westen war auch ein Camp neben dem Anderen. Somit begaben wir uns in den Süden. Hop oder Top. Jetzt war klar, dass wir entweder nichts mehr fangen würden oder einen der Großen.

Wir gaben uns alle Mühe, aber es sollte nicht sein. Diesmal war es Justin, welcher seinen Bissanzeiger nicht einschaltete… Flo und ich legten die Montagen ab und ohne dass wir es merkten, war Justin wieder eingeschlafen. Als wir nach dem Ablegen der letzten Rute zurück an das Ufer kamen, hing die Schnur von Justins rechter Rute komplett durch. Vom Boot aus versuchten wir, den Fisch noch zu bekommen, aber die Schnur hatte sich Unterwasser an Hindernissen festgesetzt. Als dies gelöst war, spürte ich noch zwei kurze Schläge in der Rute bevor der Fisch verloren war. Gefühlte zwei Sekunden später sprang der Fisch direkt neben dem Boot und mir war zum Weinen zumute. Das war ein Riese… Wir hatten es versaut. Am Ende hatten wir zwar alle gefangen, was nicht jedem vergönnt ist, der das erste Mal nach Frankreich fährt. Aber wir hätten einiges besser machen können.

Die zweite Chance:

Einen guten Monat später hatte ich meiner besseren Hälfte versprochen, zusammen mit ihr nach Frankreich zu fahren. Unser Ziel war ein südfranzösischer See, an welchem ein Freund im Frühsommer gewesen war. Nette Menschen, große Fische und tolle Landschaft. Hingegen der offiziellen Regeln hatte er keine Probleme gehabt, dort mit Bivvy über Nacht zu bleiben und die Einheimischen hatten ihm empfohlen, im Oktober zu kommen. Dann wäre der See am wärmsten. Also fuhren wir im Oktober dort hin.

Die Einheimischen sind ausgesprochen freundlich. Stimmt! Der See ist wunderschön. Stimmt! Man sieht gigantisch große Schleien ziehen. Stimmt! Der See ist wunderbar warm. Ätsch… 16°C Über Nacht bleiben ist kein Problem. Ätsch… von der Garde am ersten Morgen schon weg geschickt. Was nun? Nachdem ich einige Nachrichten mit einem südfranzösischen Freund gewechselt hatte waren wir um zwei Infos reicher. Im letzten Monat hatten sich die Regeln nochmal geändert. „Naw Sud France no stay at night. Big Fu.. Brother!“ und es gab aber doch noch Ausnahmen. Also mal wieder auf zum nächsten See. Dort kamen wir jedoch erst so spät an, dass wir erst mal in ein Hotel gingen. Irre! Eine uralte Kirche zum Hotel umgebaut. Nach einem richtig guten 3 Gänge Menü schliefen wir uns mal richtig aus.

Wir wählten die etwas flachere Ostseite des Sees, welcher fast gottverlassen vor uns lag. Versteckt zwischen zwei großen Schilfflächen errichteten wir unser Camp. Hier herrschten völlig andere Wassertemperaturen. An der Oberfläche hatte der See fast 22°C und erreichte die magischen 14°C erst auf ca. 16 m Wassertiefe. Genau passend auf dieser Tiefe begann auch an der abfallenden Kante der Sedimentboden. Kurz darauf stieg die Kante zu einem leichten Plateau wieder an. Super! Genau in diesem Graben begann ich zu füttern.

Auf ca. 50 m Länge dieses Grabens verteilte ich am ersten Abend gut 10 kg Mais und 5 kg Boilies. Knoberry und Neptun LT 1:1 gemischt. Drei Ruten legte ich hier auf 14 m, 15 m und 16 m ab. Die vierte Rute legte ich bestückt mit einer aufgepoppten Tiegernuss, in Ufernähe an einem toten Baumstamm ab. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, ließen wir den Aufbautag bei einem Glas Wein ausklingen. Am frühen Morgen durfte der Bissanzeiger zeigen was er konnte. Ich drillte vom Boot und konnte den ersten 30er des Urlaubs auf die Matte legen. 18,8kg brachte gleich der erste Fisch auf die Waage. Wir ließen es uns gut gehen. Gutes Essen, guter Wein und gutes Wetter. Kaum zu glauben, dass schon Oktober war. Leider sagte der Wetterbericht Regen voraus.

Neuer Tag neuer Schuppi. Und wieder ein 30er. Der zweite Fisch ließ die Heaton bis 15,5 kg drehen. Kurz danach bekamen wir Besuch. Zwei französische Karpfenangler legten mit ihren Booten an und erkundigten sich, ob wir am Enduro teilnehmen würden. Reichlich verwirrt konsultierte ich Google. Genau in den nächsten 7 Tagen, veranstaltete der französische Karpfenanglerclub hier einen Wettbewerb. Ich verneinte (worüber ich mich jetzt ärgere) und beobachtete, wie die beiden gleich auf der nächsten Spitze, etwa 50 m entfernt, aufbauten. Ich muss mich in Frankreich immer wieder wundern, wie viele Einheimische an diesen riesigen Stauseen fischen. Ca. 30 m vom Ufer entfernt wurde ein Wald aus Markierungsstangen gesetzt. Reichlich ungenau, gegen den Wind, mit einer kurzen Kelle gefüttert und Montagen mit riesigen PVA Beuteln geworfen… Mit entsprechend wenig Erfolg. Kurzum: Ich hätte das Enduro gewonnen, wenn ich teilgenommen hätte. Doch auch für mich kam mit dem angekündigten Regen zunächst eine Bissflaute. Es regnete 2 Tage ohne Pause. Langsam aber sicher wurde alles klamm. Mein Hund bekam Locken und war sichtlich beleidigt darüber. Durchhalten war angesagt und regelmäßig füttern, was kein Vergnügen war.

Mit der Sonne kam auch deutlich mehr Wind, so viel, dass man es nur im Windschutz des Schilfgürtels aushalten konnte. Das Drillen vom Boot wurde zu einem echten Abenteuer. Vom Ufer aus zu drillen war jedoch schlicht unmöglich, da sich die Schnur, jedes Mal an der Abfallenden Kante an Hindernissen festsetzte. Ein Highpod Aufbau (welchen ich eh nicht leiden kann) brachte hier keine Besserung. So verlor ich leider einen der größten Fische dieses Trips kurz vor dem Kescher, als eine Windböe mein Boot mit einem Ruck vom Fisch weg drückte. Wir kamen uns vor wie im Skiurlaub. Eigentlich war es kalt. In Windschatten und Sonne wiederum warm und die Sonne war so stark, dass wir Sonnenbrand bekamen. Das morgendliche Bad im See wurde auch nicht angenehmer. Mit dem Regen war die Wassertemperatur unter 20°C gesunken und der eiskalte Wind machte es nicht grade besser.

Ich begab mich noch zusätzlich regelmäßig in den kalten Wind und ging den Karpfen fremd. Ich versuche jedes Mal in Frankreich Schwarzbarsche zu fangen. Aber die Großmäuler mögen mich wohl nicht. Ein Fehlbiss auf Popper war alles was ich erreichen konnte. So widmete ich mich doch wieder den Zahnlosen Kollegen.

Der verlorene Fisch ärgerte mich maßlos. So etwas durfte nicht passieren. Also änderte ich mal wieder meine Rigs. Der Classic Boilie Hook und vergleichbare Modelle sitzen im Maul deutlich fester als seine Geschwister mit der geraden Hakenspitze. Nachteil dabei ist, dass sich diese Haken, beim Drillen vom Boot, manchmal sehr weit in die Lippe hinein drehen. Dies kann man dadurch vermeiden, dass man eine Drop-Off Montage fischt. Also kürzte ich den Leadclip und band neue Vorfächer.

In dieser Nacht musste ich einige Male dem Ruf des Bissanzeigers folgen und wurde mit dem größten Fisch dieses Trips belohnt. Glatte 21 kg brachte dieser Schuppermann auf die Waage. Offensichtlich wurde das Futter gut angenommen und die Location stimmte. Es ging gut weiter der nächste Schuppi ließ mit 19,2 kg mein Herz höher schlagen. Allerdings fragte ich mich so langsam, ob wohl alle Spiegler in der letzten Zeit ausgewandert waren.

So ging es weiter, einen Spiegler mit 15,4 kg konnte ich dann doch noch überlisten.

 

Viel zu schnell ging der Urlaub zu Ende.

Unter dem Strich fing ich 13 Karpfen, einige Brassen und verlor 2 Fische. Das Schnittgewicht dieser Fische ergab 15,3 kg, was ich hier nicht für möglich gehalten hätte. Manche mögen sagen, dass man woanders hätte mehr fangen können, jedoch habe ich woanders nie ein solches Urlaubsfeeling verspürt wie am roten See.

Schon bevor der Urlaub zu Ende war, hatten wir uns fest vorgenommen, uns im nächsten Jahr erneut hier den Wind um die Nase pusten zu lassen. Bis zum nächsten Mal!

Kai Jürgens Team B.Richi Tackle