Von ganz viel Pech und dicken Fischen

Ich höre ein „Ping“. Das Ping kommt von meinem Auto. Es will mit Sprit gefüttert werden.
Na klar, ich bin ja jetzt auch schon zum vierten Mal diese Woche an meinen Fluss zum Füttern gefahren. Ich bereite meine Lieblingsstelle, die mir auch im Januar schon einige Fische gebracht hat, für eine ganz besondere Session vor.

Ich treffe mich nach einem Jahr wieder mit Raimund. Raimud war mein Dozent in Strafrecht und bei ihm konnte ich meine Bachelorarbeit über „Die Straf- und Ordnungswidrigkeitsrechtlichen Regelungen des Tierschutzes in der Anglerischen Praxis“ schreiben. Ich habe selber an die hundert Wiederholungen gebraucht, bis ich den Titel meiner eigenen Arbeit fehlerfrei aufsagen konnte, aber im Grunde ist es ganz einfach: Ist C&R rechtlich ok? Wie sieht es mit Wettkampfangeln aus und muss mein Angelverein sogar ein Entnahmefenster einführen?

Aber zurück zum Praktischen…
Ich bereite meine Stelle mit reichlich Futter vor. 8kg Partikel und 3kg selbstgedrehte Fleischmehlboilies dürfen es pro Tag sein und das jeden Tag. Mir ist an einem Fließgewässer besonders wichtig, dass täglich ungefähr zur gleichen Uhrzeit der Tisch gedeckt ist. Um das Durchschnittsgewicht der Fänge anzuheben, füttere ich Partikel und Boilies auf unterschiedlichen Futterspuren. Der Mais kommt nah an die Uferkante und die Boilies fliegen in die Hauptrinne. Ich hoffe, dass ich mir die kleinen Karpfen und den Beifang dadurch auf den Mais ziehe und meine Boilierute dafür dann den Dicken bringt. Vielleicht steigt da ja auch noch einer der fetten Welse ein. Wer weiß?

Ich füttere nun das siebte und letzte Mal vor dem geplanten Ansitz und bin guter Dinge.
Wir haben zwei Tage Zeit, eine super vorbereitete Stelle und viel Gesprächsstoff vor uns.

Meine gute Laune hält allerdings nicht lange an. Vor kurzem hatte ich eine kleine OP und natürlich muss die blöde Naht genau am Abend bevor es losgehen soll einfach so aufgehen. So eine scheiße!
Ich rufe Raimund an und teile ihm mit, dass das mit unserem Ansitz wohl nichts wird. Er nimmt es mit der für ihn typischen Gelassenheit, aber ich könnte explodieren vor Frust.
Viele Stunden Arbeit, zwei Säcke Mais, meine letzte Boiliereserve und die wahrscheinlich letzte Tageskarte des Jahres für Raimund waren jetzt völlig umsonst.

Am nächsten Morgen hielt ich erstmal Rücksprache mit meinem Arzt. An meiner OP Wunde will er erstmal nichts machen. Ich soll mich also einfach komplett schonen.
Ich hätte mich echt lieber ohne Betäubung im Schnellverfahren nähen lassen, aber was soll´s.

Da ich aber den Lohn meiner Arbeit keinem anderen Angler schenken will, entscheide ich mich mit Raimund zumindest heute Abend anzusitzen.

Raimund und ich treffen uns also am frühen Nachmittag. Wir essen erstmal etwas, trinken ein Bier zur Kippe und laden mein Auto ein, das ich gestern noch getankt hatte.
Dann kann es ja jetzt losgehen!
Denkste! Niet! Mein Auto entscheidet sich wie meine OP-Naht nun auch den Dienst aufzugeben und läutet den Anlasser-Streik ein. Alle mir bekannten Kniffe bringen den Anlasser nicht dazu die Arbeit wieder aufzunehmen und ich könnte schon wieder explodieren.

Ich besorge mir das Auto von Opa, lade den ganzen Krempel um und freue mich, dass das Rentnermobil schnurrt wie ein Kätzchen. Jetzt geht es wirklich los und wir schaffen es den Tag ohne weitere Probleme fortzuführen.

Wir schleppen die Klamotten den Fluss entlang zur Stelle und bauen auf.

Da Raimund hauptsächlich auf Heilbutt im hohen Norden fischt, hat er ehrlich gesagt keinen Schimmer vom modernen Karpfenangeln und bittet mich ihm die Montagen dran zu knüpfen.
Ich packe schon die Karpfenruten aus, die ich für ihn eingepackt habe, als er mir seine mitgebrachten Norwegen-Heilbutt-Reise-Prügel in die Hand drückt.
Er fischt lieber mit seinem eigenen Tackle.
Karpfenangeln mit einer highend Rute mit der Aktion eines Besenstiels? Aber Hauptsache ne Shimano Stella drauf. Naja, ich denke mir meinen Teil und montiere für Raimund die erste Boilierute.
Nach kurzer Erklärung der Gewässerstruktur schnickt Raimund die erste Rute ins Wasser.

Ich montiere weiter die Ruten und schon geht das Gepiepe los. An diesem Fluss ist das Angeln tagsüber echt schlimm. Brassen, Barben und Döbel machen einem hier das Leben schwer.
Es piept nun an Raimunds Rute das übliche Zupfkonzert des Beifangs. Ätzend, aber es gilt die zweite Rute an den Start zu bringen. Ich habe gerade eine schöne Maiskette aufgezogen, als sich das Zupfkonzert zum Vollrun wandelt. Ich bin echt baff. Ich war mir eigentlich schon sicher, dass sich da irgendein Schleimbeutel aufgehangen hat.

Raimund steht schon an der Rute und ich bin erstaunt was der Besenstiel doch für eine tolle Aktion hat. Die sehr unübliche Rute macht es mir aber schwer einzuschätzen was am anderen Ende der Schnur kämpft. Raimund drillt seinen Fisch auf  jeden Fall sehr souverän und wir können nach nicht einmal zehn Minuten den ersten guten Schuppenkarpfen keschern.
Wir sind beide happy und als die Waage auch noch bei übe 15Kg stehen bleibt, kriegen wir das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht!

Die restlichen Ruten sind nun schnell im Wasser, das Futter ausgebracht und das erste Pils des Abends offen. Jetzt beginnt die Fachsimpelei und wir diskutieren ausgiebig über Fischereirecht, die PETA und unsere Angelei.
Als mein guter Freund Connor zu uns stößt, bekomme ich den ersten Dauerton des Abends und stehe schon bald im Drill mit einem Karpfen. Dieser setzt sich zwar kurz in einem Hindernis fest, lässt sich danach aber ruhig ausdrillen. Als ich den Fisch das erste Mal sehe bin ich echt erstaunt. Schon wieder so ein Klopper! Sonst fische ich hier eine ganze Saison für vielleicht ne Hand voll Dreißiger.
Als der Karpfen sich geschlagen gibt und mir seine Flanke zeigt, fällt mir buchstäblich die Kinnlade runter. Ein Twotone! Ein echter, wilder Flusstwotone!

Nachdem wir  festgestellt haben, dass auch dieser Fisch die 15Kg Hürde locker überspringt und die Bilder dieses Fisches auf der SD-Karte sind, bin ich mir sicher, dass sich die ganze Arbeit und das ganze Pech doch gelohnt haben.

Manchmal kann das Leben einem gar nicht genug Steine in den Weg legen, um zwei Angelverrückte von ihrer Leidenschaft abzuhalten.

Raimund und ich bleiben noch ein paar Stündchen und können noch einen Minikarpfen und eine Barbe keschern. Wir sind nicht einmal frustriert, dass Rai noch einen super Fisch verliert (wahrscheinlich ein ganz ordentlicher Wels) und packen ein.

Wir sind uns sicher, dass wir das wiederholen müssen! Dann fischen wir aber mindestens zwei Nächte an diesem schönen Flüsschen. Ich kann es kaum erwarten, aber vorher heißt es erst einmal fit  werden und Karre reparieren.

Das war´s!

So long,

der Lukas

Team B.Richi Tackle